Gnade ist mehr als ein theologisches Konzept – sie wird greifbar in einer dramatischen Begegnung am Tempel. Eine Frau wird halb nackt vor Jesus gestoßen, beim Ehebruch ertappt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten haben ihre Steine schon in der Hand. Das Gesetz ist eindeutig: Todesstrafe. Keine Möglichkeit eines stellvertretenden Opfers. Ihr Leben ist verwirkt.
Doch etwas stimmt nicht an dieser Szene. Wo ist der Mann? Ehebruch braucht zwei Personen, doch sie bringen nur eine. Und warum zerren diese Rechtsgelehrten die Frau ausgerechnet zu einem Zimmermann aus Nazareth? Die Antwort ist ernüchternd: Es geht ihnen nicht um Gerechtigkeit oder den Schutz der Ehe. Es ist eine perfekte Falle. Spricht Jesus sie frei, verstößt er gegen das Gesetz. Verurteilt er sie, ist er nicht mehr der Barmherzige. Schachmatt.
Jesus bückt sich und schreibt in den Sand. Dann kommt seine Antwort: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." In diesen Sekunden, die wie Ewigkeiten sein müssen, geschieht etwas Heiliges. Einer nach dem anderen lässt seinen Stein fallen und geht. Diese hartherzigen Männer erkennen: Ihre Schuld ist nicht kleiner als die der Frau. Ohne Gottes Gnade würden sie selbst dort stehen.
Die Frau erlebt in ihrer größten Scham eine unvorstellbare Gnade. "Ich verurteile dich auch nicht", sagt Jesus. Doch wo bleibt die Gerechtigkeit? Hier wird sie sichtbar: Jesus selbst wird den Preis bezahlen. Am Kreuz trägt er die Strafe, die sie verdient hätte. "Es ist vollbracht" – bezahlt.
Du denkst vielleicht, diese Geschichte betrifft dich nicht. Aber Jesus sagt: Wer eine Frau begehrlich ansieht, begeht Ehebruch im Herzen. Wer einem anderen Böses wünscht, ist wie ein Mörder. Wer Gott an zweite Stelle setzt, ist schuldig. Vielleicht bist du näher an dieser Frau, als du denkst.
Gnade bedeutet: Du kannst nichts bringen außer "Danke". Aber Jesus fügt hinzu: "Geh hin und sündige nicht mehr." Nicht als moralische Keule, sondern als Einladung in ein neues Leben. Lass die Sünde nicht wie ein Kamel ins Zelt, das dich langsam hinausdrängt aus der Beziehung zu Gott.
