Im Hauptbahnhof einer Großstadt herrscht Hektik. Tausende Menschen drängen sich, jeder will seinen Zug erreichen. Mittendrin führt eine Frau ihren blinden Mann in eine stille Ecke, stellt ihn an eine Säule und sagt: "Warte hier, ich komme wieder." Während sie Fahrkarten besorgt und sich um alles kümmert, steht dieser Mann ganz gelassen da. Er kann nichts tun, aber er ist nicht aufgeregt. Sie hat versprochen wiederzukommen – das genügt ihm.
Die Adventszeit lädt uns ein, genau so zu warten: bewusst, gelassen, im Vertrauen. Doch wie verbringst du eigentlich Wartezeiten? Beim Arzt, im Supermarkt, in der Schlange an der Kasse? Wir leben in einem ungeduldigen Land. Wartezeiten empfinden wir oft als Verlust, als verschwendete Zeit. Wir greifen zum Handy, zur Zeitschrift, schauen ungeduldig auf die Uhr. Wir sind gewohnt, Dinge sofort und schnell zu erledigen. Doch dieser Lebensstil macht uns fertig – in jeder Hinsicht. Fertig mit der Arbeit, aber auch fertig mit unseren Nerven, unserer Kraft.
In Lukas 2,25 begegnet uns Simeon, ein alter Mann in Jerusalem. Von ihm heißt es: Er war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Simeon gehörte zu einer besonderen Gruppe von Menschen, denen Gott seine Geheimnisse anvertraute. Er hatte von Gott die Zusage empfangen, dass er den Tod nicht sehen würde, bevor er den Messias gesehen hat. Was für ein Vorrecht! Vier Eigenschaften zeichnen ihn aus: Er war gerecht in Gottes Augen, er war gottesfürchtig und richtete sich nach Gottes Willen, er wartete hoffnungsvoll auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm.
Warten schärft die Sinne. Als Maria und Josef das Kind Jesus in den Tempel brachten, erkannte Simeon in diesem hilflosen Baby den Messias. Während andere vielleicht achtlos vorbeigingen, sah er den Retter der Welt. Er nahm Jesus auf seine Arme und lobte Gott: "Nun, Herr, entlässt du deinen Knecht in Frieden nach deinem Wort. Denn meine Augen haben dein Heil gesehen." Simeons Herz war so erfüllt mit Gottes Wort, dass er sofort die Verheißungen erkannte: "Ein Licht zur Offenbarung für die Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel."
Diese lange Wartezeit war für Simeon keine vergeudete Zeit. Er pflegte seine Beziehung zu Gott, sättigte sich mit seinem Wort. Jesaja 30,15 sagt: "Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark." Warten auf Jesus hat nichts mit Untätigkeit zu tun – es ist etwas zutiefst Aktives. Es lenkt deine Aufmerksamkeit auf das, worauf du wartest. Es schafft Raum für Heilung, für Versöhnung, für Kraft.
Warten macht nicht immer Freude, aber Warten bringt Freude. Wenn du das nächste Mal in der Schlange stehst oder beim Arzt wartest, nutze diese Zeit: Sprich mit deinem Nächsten, besinne dich auf den Herrn, räume in deinem Herzen auf. Die Adventszeit will ein Gegenpol sein zu unserem hektischen Leben. Sie fordert dich auf, wie dieser blinde Mann gelassen zu warten – im Vertrauen darauf, dass Jesus sein Versprechen hält: "Ich werde wiederkommen."
