Unvollständige Eroberung – Ein Spalt lässt Sturm hinein
Die Geschichte Israels nach Josuas Tod ist eine Geschichte der halben Siege. Anstatt das verheißene Land vollständig zu erobern, wie Gott es befohlen hatte, wählten die Stämme Israels den scheinbar pragmatischen Weg des Kompromisses. Sie machten ihre Feinde zu Fronarbeitern und glaubten, damit das Beste aus beiden Welten zu haben. Doch was als kluge Lösung erschien, wurde zur Quelle jahrhundertelanger Probleme.
Genau in dieser Situation befand sich Israel nach dem Tod Josuas. In Richter 1,27-35 lesen wir diese bedrückende Aufzählung: Manasse vertrieb die Einwohner nicht. Ephraim vertrieb sie nicht. Sebulon, Asser, Naftali – keiner von ihnen führte den Auftrag Gottes vollständig aus. Stattdessen machten sie die Kanaaniter fronpflichtig. Aus militärischer Unterlegenheit wurde Angst, aus Angst wurde Trägheit, und aus Trägheit wurde scheinbare Klugheit. Die Kanaaniter blieben im Land – erst in ihrer Mitte, dann wohnten die Israeliten mitten unter ihnen. Das Gewicht verlagerte sich unmerklich.
Was auf den ersten Blick nach praktischer Lösung aussah, war in Wahrheit Ungehorsam. Denn Gott hatte in 5. Mose 7,2-5 kristallklar gesagt: Vertreibt sie vollständig. Macht keinen Bund mit ihnen. Warum? Nicht aus Willkür, sondern weil diese Völker das Maß der Sünde vollgemacht hatten und weil sie Israel von Gott wegziehen würden.
Und genau das geschah. In Richter 2,11 lesen wir die tragische Konsequenz: Israel diente den Baalen und verließ den Gott, der sie aus Ägypten befreit hatte.
Aber wie sieht das in deinem Leben aus? Welche "Kanaaniter" hast du in deinem Land gelassen – aus Angst, aus Kraftlosigkeit, aus Bequemlichkeit? Vielleicht ist es eine Charaktereigenschaft, die du "Temperament" nennst, obwohl du weißt, dass es Zorn ist. Vielleicht eine Gewohnheit, von der du sogar profitierst. Was geschieht, wenn wir Kompromisse mit der Sünde eingehen, wenn wir sie dulden, weil der Kampf zu schwer erscheint?
Doch es gibt Hoffnung. Denn in 2. Mose 14,14 steht eine gewaltige Zusage: "Der Herr wird für euch kämpfen, und ihr sollt still sein." Wie also gelingt die vollständige Eroberung – nicht durch eigene Kraft, sondern im Vertrauen darauf, dass Gott selbst für uns streitet?
