GGPF Logo

Philemon und Onesimus

Sonntag, 18. August 2019
36 Minuten

Philemon und Onesimus

0:0036:19

Paulus schreibt aus dem Gefängnis einen Brief, der auf den ersten Blick wie eine private Angelegenheit wirkt – doch dieser kurze Text steckt voller Sprengkraft. Es geht um Onesimus, einen Sklaven, der seinem Herrn Philemon Schaden zugefügt hat und dann verschwunden ist. Ausgerechnet dieser "Nichtsnutz" – so wird er beschrieben – ist nun zum Glauben gekommen und hat sich um 180 Grad verändert. Paulus nennt ihn sein "Kind", das er in der Gefangenschaft "gezeugt" hat, und lobt ihn als äußerst tüchtigen Mann.

Jetzt kommt die Herausforderung: Paulus sendet Onesimus zurück zu Philemon. Doch er fordert nicht einfach nur Gnade für den entlaufenen Sklaven. Nach römischem Recht hätte Philemon alle Freiheit gehabt – Folter, Gefängnis, sogar Hinrichtung. Stattdessen soll Philemon auf Bestrafung verzichten, keinen Schadensersatz fordern und – das ist der Skandal – Onesimus nicht als Sklaven zurücknehmen, sondern als freien Mann, als Bruder im Herrn. Eine Sensation in der damaligen Zeit, wo Sklaven als Sachen galten, nicht als Menschen.

Paulus geht dabei äußerst feinfühlend vor. Er schreibt den Brief nicht nur an Philemon persönlich, sondern adressiert ihn auch an die Hauskreisgemeinde. Damit stellt er Philemon, der als Vorbild im Glauben gilt, liebevoll unter Zugzwang. Im Kolosserbrief, den die ganze Gemeinde liest, kündigt Paulus Onesimus bereits als "treuen und lieben Bruder" an – bevor Philemon ihn überhaupt freigelassen hat. Gleichzeitig bietet Paulus an, selbst für den Schaden aufzukommen: "Was er dir schuldig ist, das rechne mir an."

In dieser Haltung wird Paulus zum Friedensstifter, zum Bindeglied der Versöhnung – ein Bild des Kreuzes. Er steht zwischen beiden und reicht ihnen die Hand. Genau wie Christus das Bindeglied zwischen Gott und uns Menschen ist, setzt sich Paulus für Versöhnung zwischen zwei Brüdern ein. Er nimmt die Schuld auf sich und macht Vergebung möglich.

Der Philemonbrief zeigt uns drei Perspektiven: die des Schuldigen, der Vergebung braucht; die des Betrogenen, der vergeben muss; und die des Vermittlers, der Versöhnung ermöglicht. Onesimus muss sich seiner Schuld stellen und persönlich um Vergebung bitten. Philemon wird herausgefordert, nicht nur zu verzeihen, sondern radikal zu vergeben und den Betrüger als Bruder anzunehmen. Paulus zeigt, wie wir Friedensstifter sein können.

Kolosser 3,13 bringt es auf den Punkt: "Vergebt einander, wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr." Vergebung kennt keine Hierarchien, keine Unterschiede. Sie befreit beide Seiten und verherrlicht Gott. Dieser Brief ist keine theoretische Abhandlung, sondern zeigt, wie biblische Lehre im Alltag aussieht – konkret, herausfordernd und lebensverändernd.

Teilen