Paulus schreibt an eine Gemeinde in Rom, die er noch nie besucht hat – aus der Gefangenschaft heraus. Und was er dort vorfindet, ist eine gespaltene Gemeinschaft. Zwei Gruppen stehen sich gegenüber: Die einen mit einem engen Gewissen, vielen Verboten, die sich über die Freiheiten der anderen ärgern. Paulus nennt sie "die Schwachen im Glauben". Die anderen leben sorgloser, haben weniger Ängste – aber fühlen sich überlegen. Das sind "die Starken". Der Streitpunkt? Das Essen. Die einen essen nur koscheres Fleisch, die anderen haben kein Problem mit Götzenopferfleisch vom Markt.
Du würdest erwarten, dass eine verfolgte Minderheit zusammenrückt. Die Christen in Rom standen unter Druck, ihr Bekenntnis zu Jesus war eine Kampfansage an den Kaiser. Aber statt Einheit gab es Spannungen. Kommt dir das bekannt vor? Auch heute schaffen wir es oft nicht, Gemeinsamkeit zu betonen, weil unser Ego den Weg verstellt.
Paulus' Lösung ist radikal einfach: "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat" (Römer 15,7). Diese Jahreslosung von 2015 steht am Ende eines der wichtigsten Briefe überhaupt – dem Römerbrief, der zentrale Fragen behandelt: Wie wird ein Mensch vor Gott gerecht? Nicht durch Gesetze, sondern allein durch Glauben.
Drei Dinge hebt Paulus hervor: Erstens, sei eine Ermutigung für andere (Vers 2). Du kannst nur ermutigen, wenn du selbst ermutigt bist. Was Gott an dir getan hat – sein Erbarmen, sein Trost – das gib weiter. Zweitens, halte die Einheit (Vers 5). Einheit bedeutet nicht hundertprozentige Übereinstimmung in jeder Gewissensfrage. Unmöglich bei so unterschiedlichen Menschen! Aber einträchtig zusammenstehen, um gemeinsam Gott zu loben – das ist das Ziel. Drittens, nimm den Schwachen an (Vers 7). Wenn du dich stark fühlst, dann trage die Last. Nicht von oben herab, sondern aus Demut.
In Römer 14,1-4 wird es konkret: Verachte nicht den, der anders isst. Richte nicht den, der andere Freiheiten hat. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Gott hat ihn angenommen. Christus hat dich angenommen, wie du bist – beladen, schuldig. Nicht "verändere dich erst", sondern "komm, wie du bist". Genau so sollst du andere annehmen. Sei Friedensstifter, nicht Richter. Akzeptiere die Sichtweise des anderen, steck zurück, lass Meinungsunterschiede nicht zum Streit werden.
Gott möchte seinen Plan durch deine Gemeinde verwirklichen. Dazu braucht es keine perfekte Übereinstimmung, sondern Liebe, Verständnis und die Bereitschaft, sich unter den anderen zu stellen.
