Jesus geht täglich am Tempel vorbei – an der Schönen Pforte, wo ein Mann sitzt, 40 Jahre alt, gelähmt von Geburt. Jeden Tag wird er dorthin getragen, jeden Tag bettelt er. Und Jesus, der am Teich Bethesda Menschen heilt, geht an diesem Mann vorbei. Immer wieder. Warum heilt er ihn nicht? Die Antwort aus Apostelgeschichte 3 ist so herausfordernd wie tröstlich: Gott wirkt zu seiner Zeit, zu seiner Verherrlichung – nicht nach unserem Zeitplan.
Als Petrus und Johannes zur Gebetsstunde in den Tempel gehen, begegnen sie diesem Mann. "Schau uns an", sagt Petrus. "Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth, steh auf und geh!" Der Mann erwartet einen Almosen – Gott gibt ihm die Heilung. Füße und Knöchel werden fest, er springt auf, geht, lobt Gott. Lukas, der Arzt, beschreibt es mit medizinischer Präzision. Zwei Zeugen bestätigen das Wunder – nach jüdischem Recht unwiderlegbar.
Dieser Text stellt unbequeme Fragen: Bist du bereit zu beten "Verherrliche dich durch mein Leben – sei es durch Gesundheit oder Krankheit, durch Leben oder Tod"? Wenn Gott nicht hilft, obwohl du auf Knien liegst und betest – vielleicht hat er einen anderen Plan. Vielleicht will er sich anders verherrlichen durch dein Leben, als du es dir vorstellst.
Dabei zeigt sich: Gottes Wirken bezieht dein Mitwirken ein. Petrus betet nicht nur, er ergreift die Hand des Mannes – macht sich kultisch unrein auf dem Weg zum Gottesdienst – und hilft ihm auf. Gebet entbindet nicht von praktischem Handeln. Wenn dein Kühlschrank leer ist, darfst du beten – aber du wirst auch einkaufen gehen müssen.
Bemerkenswert ist auch: Die Apostel haben Pfingsten erlebt, den Heiligen Geist empfangen, Erweckung gesehen – und gehen trotzdem täglich zur Gebetsstunde. Zur traditionellen, liturgischen Gebetszeit im Tempel. Sie wissen: Geistliches Leben braucht Gebetsroutine. Nicht die äußere Form macht's, sondern die innere Gewissheit: Ich brauche das Gebet, um mit Gott voranzugehen.
Tradition und geistliches Leben müssen sich nicht widersprechen. Die Apostel machen sich das Gebet zur Gewohnheit – nicht aus Heuchelei, sondern aus Weisheit. Wer nicht regelmäßig betet, betet bald gar nicht mehr. Sie gehen zusammen, helfen sich gegenseitig, keine Ausreden zu finden. Und genau in dieser alltäglichen Routine wirkt Gott sein Wunder.
Der Mann bekommt mehr, als er erbittet. Wir dürfen Gott unser Herz ausschütten mit allem, was uns bewegt – aber mit unseren Lösungsvorschlägen sollten wir zurückhaltend sein. Gottes Wege sind oft anders als unsere Gedanken, aber sie führen zu seiner Verherrlichung und letztlich zu unserer Freude.
