Paulus schreibt seinem Mitarbeiter Timotheus einen Brief voller praktischer Weisheit für das Gemeindeleben. Timotheus, ein verhältnismäßig junger Mann zwischen 30 und 40, hatte die herausfordernde Aufgabe, die Gemeinde in Ephesus zu ordnen – und das bedeutete auch, älteren Geschwistern deutlich zu sagen, wo etwas nicht in Ordnung lief.
Der erste Timotheusbrief beschreibt intensiv, wie Gemeindeleben funktionieren soll. Neben den bekannten Qualifikationen für Älteste und Diakone gibt es ein drittes Amt, das oft übersehen wird: das Amt der Witwen. Nicht jede Witwe war gemeint, sondern "wirkliche Witwen" – Frauen, die in eine besondere Liste eingetragen wurden und einen geistlichen Dienst in der Gemeinde ausübten.
Bevor wir zu den Witwen kommen, spricht Paulus über das Ermahnen. In 1. Timotheus 5,1-2 lesen wir: "Einen älteren Mann fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn wie ein Vater, jüngere wie Brüder, ältere Frauen wie Mütter, jüngere wie Schwestern in aller Keuschheit." Ermahnen ist heute unpopulär geworden, doch es bedeutet nicht nur Kritik. Das griechische Wort umfasst auch Stärken, Ermutigen und Weiterführen. Du sollst dem anderen Rückmeldung über sein geistliches Leben geben – positiv wie negativ, aber immer in Liebe.
Unsere Zeit scheut sich davor, anderen etwas zu sagen. "Jeder ist seine eigene Insel" heißt es heute. Doch in vielen Gemeinden ist das höchste Ziel nicht Veränderung zu Jesus hin, sondern dass sich alle wohlfühlen. Aber manchmal ist gerade das Unbequeme heilsam. Eine Schule, deren höchstes Ziel das Wohlfühlen der Schüler wäre, würde ihren Auftrag verfehlen. Ermahnung ist nichts Böses – sie zeigt, dass dir der andere nicht gleichgültig ist.
Paulus gibt Timotheus konkrete Anweisungen: Sprich mit Älteren wie mit deinem Vater – ehrerbietig, respektvoll. Mit Gleichaltrigen wie mit Brüdern. Bei jüngeren Frauen fügt er hinzu: "in aller Keuschheit." Wo jüngere Männer und Frauen zusammenreden, können andere Gefühle aufkommen. Sei besonders vorsichtig in der Seelsorge, damit nicht der Anschein von Unkeuschheit entsteht.
Dann kommt der Hauptteil über die Witwen. "Ehre die Witwen, die wirkliche Witwen sind" (Vers 3). Diese "echten Witwen" waren nicht einfach Frauen, deren Mann gestorben war, sondern solche, die ein besonderes Gemeindeamt innehatten. Das Wort "Ehre" bedeutet hier auch finanzielle Unterstützung – wie bei den Ältesten, die "doppelter Ehre wert" sind.
Paulus unterscheidet klar: Wenn eine Witwe Kinder oder Enkel hat, sollen diese zuerst für sie sorgen. "Wenn aber jemand für die seinen, besonders für seine Hausgenossen nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger" (Vers 8). Das ist eine harte Aussage. Deine Verantwortung für ältere Familienangehörige ist ein Zeichen deines Glaubens. Und ja, alte Menschen sind nicht immer nur lieb und nett – manche werden eigensinnig, aggressiv, schwierig. Aber das entbindet dich nicht von deiner Verantwortung.
Die "wirkliche Witwe" hat ihre Hoffnung auf Gott gesetzt und "bleibt beständig im Gebet und im Flehen Tag und Nacht" (Vers 5). Das ist keine Frau, die ständig nörgelt, sondern eine geistliche Frau, die betet. Ihr Dienst ist geistliche Tat. Im Gegensatz dazu steht die "Genusssüchtige" – sie ist "lebendig tot" (Vers 6). Krasse Worte! Unsere Gesellschaft sagt: Genießen ist der Lebenssinn. Aber wer nur vom momentanen Gefühl lebt, ist innerlich tot, denn der Heilige Geist bestimmt nicht mehr sein Leben.
Ab Vers 9 werden die Qualifikationen für diese Witwen konkret: mindestens 60 Jahre alt, "die Frau eines Mannes", ein Zeugnis guter Werke. Sie soll Kinder aufgezogen, Gastfreundschaft geübt, die Füße der Heiligen gewaschen, Bedrängten geholfen haben. Diese Bewährung kommt vor dem Amt. Du sollst nicht erst anfangen, wenn du das Amt hast, sondern dich vorher bewähren.
Jüngere Witwen soll Timotheus abweisen (Vers 11-15). Warum? Weil sie wahrscheinlich wieder heiraten wollen – was nicht sündig ist! Paulus ist erfrischend realistisch: Eine junge Frau sehnt sich nach einem Mann, das ist normal und von Gott gewollt. Außerdem besteht die Gefahr, dass jüngere Witwen untätig werden, geschwätzig, neugierig, in den Häusern heru
