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Der verbitterte Bruder

Samstag, 11. Januar 2014
47 Minuten

Der verbitterte Bruder

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Im Gleichnis vom verlorenen Sohn kennen wir meist nur die erste Hälfte – die dramatische Rückkehr des jüngeren Bruders. Doch da ist noch ein zweiter Teil, der uns vielleicht noch näher geht. Der ältere Bruder kommt vom Feld nach Hause, müde von der Arbeit. Er hört Musik, Tanz, Feiern. Als er erfährt, dass sein Vater für den zurückgekehrten Bruder das gemästete Kalb geschlachtet hat, wird er zornig – so zornig, dass er nicht einmal ins Haus gehen will.

Seine Worte sind bitter: "So viele Jahre habe ich für dich gearbeitet, nie habe ich dein Gebot übertreten. Aber für mich hast du noch nicht einmal einen Bock gegeben, damit ich mit meinen Freunden feiern kann. Dieser dein Sohn aber, der dein Vermögen mit Huren verprasst hat – für den schlachtest du das gemästete Kalb!" Der Vater geht zu ihm hinaus und sagt: "Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber wir sollten fröhlich sein, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden."

Was war eigentlich das Problem des älteren Bruders? Er war fleißig, treu, pflichtbewusst. Aber in all seiner Arbeit hatte er seine Position nicht erkannt. Er sah nur seine eigenen Verdienste – wie durch ein Fernglas, das alles groß macht, was er selbst getan hat, während die Nöte und Gefühle der anderen ganz klein und weit weg erscheinen. Er hatte den Splitter im Auge seines Bruders gesehen, aber nicht den Balken im eigenen.

Kennst du das auch? Verbitterung, weil andere scheinbar bevorzugt werden? Das Gefühl, dass dein Einsatz nicht gewürdigt wird? Der ältere Bruder hatte etwas Entscheidendes nicht verstanden: dass der Vater beide Söhne gleich liebte. Beide waren wertvoll, beide waren erwünscht, beide hatten ihren Platz.

Das größte Problem entsteht, wenn wir unseren eigenen Wert nicht kennen. Dann entwickeln sich Minderwertigkeitskomplexe, die wir durch Selbstgerechtigkeit, Stolz oder ständiges Sich-in-den-Vordergrund-Drängen zu kompensieren versuchen. Wer seinen Wert nicht kennt, ist ein unangenehmer Freund, Bruder oder Ehepartner. Er will sein Defizit auf Kosten anderer füllen.

Die Heilsbotschaft gibt die Antwort: Gott hat Ja zu dir gesagt. Du bist so wertvoll für ihn, dass er mit dem Leben seines Sohnes für dich bezahlt hat. Das ist dein Wert – nicht deine Leistung, nicht deine Begabungen, nicht dein Fleiß. Wenn du das verstehst, brauchst du dich nicht mehr mit anderen zu vergleichen oder dich ständig beweisen zu müssen.

Beide Söhne im Gleichnis waren geliebt, wertvoll und sinnvoll im Haus des Vaters. Genauso bist auch du geliebt – trotz deiner Vergangenheit, trotz deiner Schwächen, trotz allem. Gott hat einen Platz für dich, eine Aufgabe, einen Sinn. Du musst nicht andere imitieren oder dich verstellen. Sei, wer du bist – so wie Gott dich geschaffen hat.

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