Jakob steht am Fluss Jabok – die Grenze zwischen Verheißung und Vergangenheit. Über 20 Jahre ist er geflohen, hat verdrängt, was er seinem Bruder und Vater angetan hat. Mit einem Stab ging er damals weg, jetzt kehrt er zurück mit Reichtum, vier Frauen, elf Kindern. Doch dann die Nachricht: Esau kommt ihm entgegen. Die Vergangenheit holt ihn ein.
In Römer 5 lesen wir, dass Abraham aufgrund seines Glaubens gerecht gesprochen wurde. Von Jakob heißt es das nicht. Sein Leben war geprägt von List und Abkürzungen, die ihn 20 Jahre kosteten. Was er säte, erntete er auch. Doch aus diesem Jakob wurde der Erzvater Israel, durch den Gott die ganze Welt segnet. Schon auf der Flucht begegnete ihm Gott in Bethel und versprach: "Ich bin mit dir, ich beschütze dich, ich segne dich." Jakob erwachte erschrocken: "Ich wusste gar nicht, dass Gott hier ist."
Jetzt, am Jabok, wird es Nacht. Jakob bleibt allein zurück – allein mit seiner Vergangenheit, seinen Sünden, seinem zweiten Ich. Gott hat Geduld gehabt, ihn begleitet, aber jetzt fordert er eine Antwort. Allein sein mit reinem Gewissen ist wunderschön, aber allein mit schlechtem Gewissen ist furchtbar.
Dann ringt ein Mann mit ihm bis zur Morgenröte. Wie kann ein Mensch mit Gott kämpfen und nicht besiegt werden? Gott lässt sich auf unsere Ebene herab, gibt uns die Möglichkeit, unsere Vergangenheit aufzuräumen, unser eigenes Ich zu besiegen. Das geistliche Ringen ist uns heute abhandengekommen. Wir leben bequem, bekommen alles geliefert, müssen nicht mehr kämpfen. Doch ohne Kampf gibt es keinen Sieg. Mose musste den ersten Schritt ins Rote Meer tun. David musste gegen Goliath losgehen. Jesus rang im Garten Gethsemane Blut schwitzend. "Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich."
Die ganze Nacht kämpft Jakob, bis der Mann seine Hüfte berührt und sie verrenkt. Jakob spürt seine Hilflosigkeit, aber er lässt nicht los: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!" Dann die Frage: "Wie heißt du?" – "Jakob" – Betrüger. "Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel – Gotteskämpfer." Aus dem Betrüger wird der Erzvater. Jakob nennt den Ort Pniel: "Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin am Leben geblieben."
Der Text beginnt mit Finsternis und endet damit, dass die Sonne aufgeht. Paulus konnte vergessen, was dahinter war – nicht weil er es verdrängte, sondern weil er es ausgeräumt hatte. Bist du bereit, in den geistlichen Kampf zu treten? Deine Vergangenheit vor Gott zu bringen? Die Leichen unter dem Teppich hervorzuholen? Dann wird die Morgenröte auch in deinem Leben aufgehen, und du kannst getrost in die Zukunft schauen.
